Florian Gosch ist Marketing-Leiter und Mitglied der Geschäftsführung beim Österreichischen Olympischen Comité und stand sportsbusiness.de im Vorfeld der Olympischen Spiele in Tokio Rede und Antwort über die Lage aus österreichischer Sicht.
++ sportsbusiness.de Exklusiv von Georg Sander ++
sportsbusiness.de: Tokio findet nach viel Hin und Her nun tatsächlich statt. Blicken wir noch einmal ein Jahr zurück: Wie aufwändig war es aus Marketing-Sicht, die Covid-bedingte Unsicherheit zu haben, bis klar war, dass die Spiele verschoben werden?
Florian Gosch: Die Begeisterung und die Bereitschaft unserer Partner, im Vorfeld und dann auch während Tokio 2020 aktiv zu werden, war vor Beginn der COVID-19-Pandemie äußerst groß. Wir hatten einen sehr hohen Zuspruch, was einerseits die gemeinsame Aktivierung und andererseits die Aktivitäten vor Ort in Tokio betraf. Sämtliche Hotel- und Ticketkontingente waren fast vollständig belegt. Mit jedem Tag, an dem die Pandemie mehr zur Krise wurde, wuchsen auch die Herausforderungen. Für uns, was zum Beispiel die schrittweise Reduzierung der Kontingente oder die Rückabwicklung betraf, aber auch für unsere Partner, um gemeinsam und trotz der herausfordernden Zeiten praktikable Lösungen zu erarbeiten. Mit dem japanischen Organisationskomitee konnten wir in guten Gesprächen erreichen, dass der Prozess der Rückabwicklung geordnet und Schritt für Schritt durchführt wurde. Bis zum heutigen Tag sind wir daher auf der Kostenseite ohne größere Verluste geblieben.
Wie haben die nationalen Partner darauf reagiert?
Was zeichnet eine gute Partnerschaft aus? Dass sie auch in herausfordernden Zeiten Bestand hat. Wir sind sehr froh, dass unsere Partnerschaften, von denen viele schon über zehn Jahre oder noch länger laufen, von gegenseitigem Vertrauen geprägt sind. Umso mehr sind wir auch in der Krise aufeinander zugegangen und haben versucht, individuelle und partnerschaftliche Lösungen zu finden, um auch während der COVID-19-Pandemie erfolgreiche Aktivitäten und Schwerpunkte zu setzen, was wiederum auf viel Wertschätzung getroffen ist. Jetzt freuen wir uns alle auf die Olympischen Spiele in Tokio und auf die Zeit danach, wo mit hoffentlich einhergehender Normalität auch wieder klassische Partner-Programme aufgenommen werden können. Zudem werden wir die Erfahrungswerte und innovativen Ansätze, die wir in der Krise gewonnen haben, weiterhin bestmöglich in unsere Partnerschaften einbringen.
Zu Beginn der Pandemie war nicht abzuschätzen, wie lange uns diese beschäftigen und begleiten wird. Dementsprechend vorsichtig und mit noch größerer Genauigkeit haben wir die künftigen Projekte geplant.
Florian Gosch
Mussten geplante Aktivitäten komplett umgebaut werden oder konnten Aktivitäten einfach ein Jahr verschoben werden?
Zu Beginn der Pandemie war nicht abzuschätzen, wie lange uns diese beschäftigen und begleiten wird. Dementsprechend vorsichtig und mit noch größerer Genauigkeit haben wir die künftigen Projekte geplant. Nach der Verschiebung der Spiele ins Jahr 2021 haben wir in einem ersten Schritt die Aktivitäten auf das nächste Jahr übertragen und in einem zweiten Schritt begonnen, mit neuen Ideen zu aktivieren, zum Beispiel anlässlich vom „One Year to Go“, ein-Stunden-Siebenkampf mit Ivona Dadic in Amstetten. Parallel dazu starteten wir damit, ein digitales Austria House zu konzipieren und zu entwickeln, zunächst in einer hybriden Variante, die bereits sehr ausgereift war. Als klar wurde, dass keine internationalen Gäste und Fans ins Land dürfen, mussten wir nicht mehr viel adaptieren, um das Digital-Projekt so zu realisieren, dass es auch nur für sich funktioniert. Einige Partner haben sich sehr intensiv am Projekt beteiligt und zum Erfolg beigetragen. Für uns als Österreichisches Olympisches Comité war es im Bereich Digitalisierung ein wichtiger Startschuss für künftige Projekte rund um Olympische Spiele. Das Ziel ist es, das digitale Austria House darauf aufbauend in hybrider Form auch bei den kommenden Olympischen Spielen als wichtige zusätzliche Präsentationsmöglichkeit für unsere Partner aus Wirtschaft und Tourismus zu etablieren.
Nun ist es amtlich: Keine Fans in Tokio! Ergeben sich daraus aus Marketing-Sicht Änderungen für das ÖOC oder ist es durch den Umstand, dass in Japan ohnehin nicht tausende heimische Fans dabei wären (etwa im Unterschied dazu, wenn die Spiele in Rom, München oder Madrid wären), hinfällig?
Wir haben eine enorme Begeisterung und sehr großes Interesse rund um diese Olympischen Spiele verspürt. Wie bereits erwähnt von Seiten der Partner, von Wirtschafts-Delegationen über Incentives bis hin zu Gewinnspiel- und Fanreisen. Insofern war die Entscheidung, keine ZuschauerInnen aus dem Ausland zuzulassen, schon eine wesentliche Änderung für uns. Aber wir haben uns schnell adaptiert und eine andere Form der Aktivierung forciert, nämlich online über die bewährten Kanäle des Olympic Team Austria (Website, Social Media) und im Rahmen des Digital-Projekts Austria House, wo der Olympia-Fan an der Eingangstüre abgeholt wird und sich dann nicht nur informieren, sondern interaktiv dabei sein kann.
Olympisches Erfolgsprojekt: Weil die rot-weiß-rote Präsentationsplattform in Japan aufgrund der Gesundheitsmaßnahmen eine Pause einlegen muss, hat das ÖOC das Austria House in die digitale Welt transferiert.
Wie stehen Sie persönlich zu der Entscheidung?
Wir alle haben bis zuletzt gehofft, dass die Olympischen Spiele mit ZuschauerInnen stattfinden können. Jetzt werden es andere Spiele, als wir sie in der Vergangenheit hatten, aber diese Entscheidung wurde im Sinne der AthletInnen getroffen, damit sie einerseits nicht um ihre Chance gebracht werden und damit die Olympischen Spiele andererseits möglichst sicher durchgeführt werden.
Was hätte eine gänzliche Absage für den ÖOC aus wirtschaftlicher Sicht bedeutet?
Am allerhärtesten davon getroffen wären die AthletInnen gewesen, weil ihr Olympia-Traum nach fünf Jahren Vorbereitung geplatzt wäre. Partnerseitig wäre nach zahlreichen gemeinsamen Aktivitäten sowie vielen Mühen und Vorbereitungen vieles nicht zur Umsetzung gekommen. Gleichzeitig sind wir froh, dass wir sehr starke und vor allem langjährige Partnerschaften haben, die bis zu den Olympischen Spielen 2024 in Paris oder darüber hinaus andauern. Deshalb wäre eine Absage aus wirtschaftlicher Sicht zu verkraften gewesen.
Erfolge – und da stehen Medaillen natürlich ganz oben – haben immer eine ganz besondere Strahlkraft und natürlich auch eine positive Auswirkung auf die Marke Olympic Team Austria und die Vermarktung der Österreichischen Olympia-Mannschaft.
Florian Gosch
Inwieweit sind Medaillen – wir wissen von TV-Partnern, dass die Sportart diesbezüglich fast egal ist, solange ÖsterreicherInnen vorne dabei sind – wichtig, damit Sponsoren bedient werden können bzw. weitere Marketingaktivitäten mit möglichen Medaillengewinnern geplant werden können? Kann man Medaillengewinne quasi auch in Euro ummünzen?
Erfolge – und da stehen Medaillen natürlich ganz oben – haben immer eine ganz besondere Strahlkraft und natürlich auch eine positive Auswirkung auf die Marke Olympic Team Austria und die Vermarktung der Österreichischen Olympia-Mannschaft. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass erfolgreiche Olympische Spiele eine ganz besondere Dynamik mit sich bringen, die von unseren Partnern weiter verstärkt wird. Klar ist aber auch, dass Olympische Spiele mehr zu bieten haben als die reine Erfolgskomponente. Das Interesse an den Spielen ist ungebrochen, egal ob von Sport, Wirtschaft, Medien oder Politik – aufgrund der Werte und weil wir viele herausragende AthletInnen haben, auch im Sommersport. Einige von ihnen haben wir im Vorfeld der Spiele in den Fokus gerückt und wollen das künftig noch stärker tun, im Interesse der AthletInnen, des Sports und natürlich auch unserer Partner und Sponsoren.
Im Gegensatz zum Winter ist Österreich bei den Sommerspielen keine Großmacht. Wird sich das, auch im Lichte der vor ein paar Jahren geänderten Spitzensportförderung, ändern können?
Wir blicken sehr positiv auf die Olympischen Spiele in Tokio. Die gezielte Spitzensportförderung hat sicher dafür gesorgt, dass die Vorbereitungen quer durch alle Sportarten noch professioneller abgelaufen sind, dazu leisten die sieben Olympiazentren Austria hervorragende Arbeit, sie sind heute aus der österreichischen Sportlandschaft nicht mehr wegzudenken. In Summe bin ich überzeugt, dass die gute Arbeit der AthletInnen und Verbände belohnt wird.
Zum Abschluss: Wie viele Medaillen sollen es werden?
Da halte ich es mit unserem Präsidenten Karl Stoss: Drei Medaillen aufwärts wären ein sehr schöner Erfolg.